Leipzig und die Schwedische Post

Wenn ich ein Versprechen abgebe, möchte ich es auch halten. Ich selbst bin kein Sammler.  Mein Geschenk, Aufbau und Hilfe bei der Gestaltung dieser Webseite, an die Leipziger Briefmarkenfreunde, haben mich bewogen, mich ein wenig mit dem Thema Briefmarken und Post zu beschäftigen.  Leipzig hat einen reichen Fundus an philatelistischen Erzeugnissen und eine sehr reiche Geschichte zum Postwesen. Dass dies so ist, konnte ich immer wieder im Buch „Deutsche Postgeschichte - Essays und Bilder“ herausgegeben von Wolfgang Lotz erfahren. Ein für mich interessantes Detail, welchen historischen Einfluß Leipzig auf Schwedens Post hatte, fand ich in dem Beitrag von Günter Barudio „Zu treuen Händen – Schwedens Postwesen im Teutschen Krieg 1618 – 1648“ S.72 und 73.

„ … Dieses Postwerk war so lange erfolgreich, wie die Postli­nien von den einzelnen Armeen Schwedens und der ver­bündeten Reichsstände wie Brandenburg, Hessen-Kassel oder Sachsen gesichert werden konnten. Deshalb erließ auch Axel Oxenstierna am 30. Oktober 1633 in seiner Ei­genschaft als Direktor des Heilbronner Bundes eine beson­dere Schutzordnung für das »hochnotwendige Postwesen im Reich nach den Niederlanden, Seestädten, Frankreich und anderen Orten«. Darin berief er sich auf entsprechende Maßnahmen, die Gustav Adolf bereits am 22. September 1631 und am 16. März 1632 veranlaßt hatte, indem den Postleuten aller Art eine umfassende Befreiung von Kriegslasten gewährt wurde. Außerdem sollten sie vor ei­ner »Beraubung ihrer Güter« nachhaltig geschützt werden und jede Hilfe erhalten, das »unentbehrliche Postwesen im Reich« auch zur »Besserung der Commercien« aufrechtzu­erhalten.

Dieser Schutz oder Salvaguardia wurde »an allen Post­häusern öffentlich angeschlagen« und sollte »zu jedweders Nachrichtung« dienen, besonders aber das eigene Militär daran erinnern, was es den Postleuten Birghdens schuldig war. Man kann also hier nicht einfach von der »schwedi­schen Post« (G. Rennert) sprechen, als sei sie die Neben­post einer Besatzungsmacht, zumal Birghdens Dienste al­len Parteien und dem Privatverkehr offenstanden sowie von diesem »bis Anno 1635 mit großen fast unerschwing­lichen Unkosten kontinuiert und erhalten« worden sind.

Eine Restschuld von 600 Reichstalern, die Birghden von Axel Oxenstierna vergeblich einforderte, deutet darauf hin, daß der Anteil der Schweden-Armee an diesem Postwesen nicht allzu hoch gewesen sein kann. Schließlich benutzte der Reichskanzler und »Legat in Teutschland« für die »hohen Staatssachen« einen eigenen Kurierdienst, der auch seinen Entwurf zu einer »Regierungsform« oder »Verfassung« von Frankfurt am Main nach Stockholm brachte: das wohl größte Staatsgeheimnis dieser Zeit; ein Dokument, das nach Beratungen im Reichsrat und Reichstag 1634 als treuhän­derische Rechtsgrundlage der Vormundschaftsregierung für die noch unmündige Königin Christina (1626-1689) bis 1644 diente.

Auch in diesem Fall zeigt sich wieder, daß es neben der Hauptpost, die Staats- und Privatbriefe befördern konnte, manch einen Sonderweg gab: eine Art Diplomaten-Post zu­mindest bis Hamburg, das auch nach der Intervention das Zentrum zur Weiterleitung nach Schweden blieb, zumal nach dem »Prager Frieden« von 1635 Schwierigkeiten auf­traten, Briefe mit »Königlich Schwedischen Sachen von ho­her Importanz« über Leipzig oder Frankfurt am Main ge­hen zu lassen, von wo aus Birghden mit seinem Hang zu Selbstherrlichkeiten »ein böses Blut und große Unordnung im Postwesen« mit seinem Abgabenverfahren verursacht haben soll.

Das schreibt ein Andreas Wechel am 14. Juli 1633 an Axel Oxenstierna von Leipzig aus, wohin er sich auf Order des Königs bereits 1631 begeben hatte, nachdem er in Hamburg für die Post tätig gewesen war. Dieser Wechel gehörte wahr­scheinlich der wachsenden Schar von Korrespondenten an, die Nachrichten und »Zeitungen« zu sammeln hatten, ehe er gemäß einer »Königlichen Schwedischen Post-Ordnung« vom 20. November 1631 in Leipzig das allen Parteien zu­gängliche Brief- und Paketwesen zu leiten begann. Dabei hatte er sonntags die Post nach Erfurt, Hanau, Frankfurt am Main, Amsterdam und nach Paris zu besorgen. Diens­tags mußten das kursächsische Hauptquartier und Prag be­dient werden. Freitags »um 11 Uhr« sollte die Post nach Berlin, Stettin, Danzig und »in das Königreich Schweden« auf den Weg gebracht werden. Am Nachmittag »um 4 Uhr« des gleichen Tages wurden die reitenden Boten nach Nürn­berg und Venedig abgefertigt, während sonnabends »um 4 Uhr nach Mittag« die Städte Hamburg, Lüneburg, Lübeck und Bremen an der Reihe waren. In diesem Angebot an das Publikum sah natürlich die »kaiserliche Post« der Thurn- und- Taxis einen besonderen Gegner und ihr Postmeister Sieber ließ auch keine Gelegen­heit aus, dem Wechel als der »Königlichen Schwedischen Krone halber eingesetzter Postmeister in Leipzig« überall dort Ungelegenheiten zu bereiten, wo es möglich war. We­chel hingegen wehrte sich nach Kräften, wobei das Mißver­gnügen an diesem Streit meist beim Rat der Stadt Leipzig hängen blieb oder aber auf den Kurfürsten Johann Georg abgewälzt wurde, der sein eigenes Postwesen unterhielt und sich hinsichtlich der Wechel-Post nach Anordnungen oder Wünschen Gustav Adolfs richtete, sofern ihm ein Nachge­ben opportun erschien. Auch hier wirkte nach dem Bündnis des Königs mit Kur-Brandenburg und Kur-Sachsen kurz vor der Schlacht bei Breitenfeld (nördlich von Leipzig) am 7. September 1631 die Treuhandnatur in den Beziehungen der Interventionsmacht mit den Reichsständen nach, so daß sich Andreas Wechel nicht ohne Grund »Königlicher und Churfürstlicher Postmeister« nennen durfte, mußten doch bei der Einrichtung der Postlinien und Annahme der Postboten die zuständigen Ämter in Stadt und Land um ihre Zustimmung gefragt werden.

Eine Klärung der postalischen Zuständigkeiten ergab sich aber erst am 6. "Dezember 1632, als der schwankend gewordene Kurfürst dem Rat der Stadt Leipzig auf Be­schwerden Siebers hin die Anordnung zugehen ließ: »We­chel sei nur für die von Schweden kommenden Schreiben bestellt.« In dieser Entscheidung deutete sich schon die Abwendung Johann Georgs vom verbündeten Schweden und die Hinwendung zu Habsburg an, mit dem er auf Ko­sten des Heiligen Reiches, aber zur eigenen Bereicherung im »Prager Frieden« von 1635 gemeinsame Sache machte und dabei die Lausitz erwarb. Kein Wunder, daß sich un­ter diesen Bedingungen die »Schwedische Postordnung« immer schwerer aufrechterhalten ließ und Axel Oxen­stierna genötigt wurde, den tüchtigen Andreas Wechel aus Leipzig abzuziehen und ihn 1635 wieder nach Hamburg zu versetzen.

Dort war inzwischen Johan Adler Salvius als diplomati­scher Resident eingesetzt worden, dem auch die Oberauf­sicht im Postwesen oblag und der dafür zu sorgen hatte, dass die Verbindung über Helsingör nach Markaryd ungestört er­halten blieb. Wechel hielt sich aber nur kurze Zeit bei Salvius auf, der zehn Jahre später einer der beiden Chefverhandler Schwedens beim Friedenskongreß in Osnabrück werden sollte. Denn er wurde von Axel Oxenstierna nach Stockholm beordert, wo er das innerschwedische Postwesen neu organi­sieren sollte, und zwar nicht nur die Hauptlinie von Marka­ryd an der Grenze zu Dänemark bis nach Stockholm, sondern auch die Postverbindungen mit Finnland und Estland. Be­reits 1624 hatte der Kanzler eine ausführliche »Post-Ord­nung« für das weitgestreckte Reich verfaßt, die aber nicht verwirklicht werden konnte. 1626 wiederholte er in seiner neuen »Kanzlei-Ordnung« die Notwendigkeit der Reform des gesamten bestehenden Beförderungswesens. Aber erst am 20. Februar 1636 gelang es unter der tätigen Mithilfe des Andreas Wechel, von Stockholm aus ein Gemeines Postwerk einzurichten, das mit wenigen Änderungen über 200 Jahre Bestand haben sollte und als das Geburtsjahr der Schwedi­schen Reichspost angesehen werden kann.

Es besteht kein Zweifel, daß viele Erfahrungen aus der Posttätigkeit im Heiligen Reich unter Vermittlung des er­fahrenen und arbeitsamen Andreas Wechel der Postreform in Schweden zugute gekommen sind. Damit waren aber nicht nur technische Neuerungen wie Raststationen mit Wirtshäusern oder Postuniformen verbunden. Vielmehr entwickelte sich mit dieser Art der Nachrichtenvermittlung auch, das Presse- oder Zeitungswesen.

Wie bereits erwähnt, waren vor allem die bestallten Kor­respondenten gehalten, besondere Berichte über Neuigkei­ten und allerlei »Staatsveränderungen«, Kriegshandlungen und Kommerz-Angelegenheiten anzufertigen oder zu erwer­ben. Birghden hatte sich mit der eigenen Erstellung von derartigen »Zeitungen«, die erweiterten Flugblättern gli­chen, schon früh einen nicht unwichtigen Nebenverdienst gesichert, indem er seine Berichte mit der Post an Interes­senten schickte. Damit erhielten die aufgekommenen »Mes­se-Relationen« in Frankfurt am Main und auch das be­rühmte Theatrum Europaeum (seit 1629) eine bedeutende Ergänzung im Aufbau eines öffentlichen Informationswe­sens. Auch Andreas Wechel gab bereits 1632 eine wöchent­lich erscheinende »Ordinar Post und Zeitung aus dem Schwedischen Posthause zu Leipzig« heraus, in der vor al­lem Einzelereignisse aus dem Kriegsgeschehen näher be­schrieben wurden.

Diese Tradition, Post und Presse zu verbinden, obgleich es zwei verschiedene Tätigkeitsbereiche waren, fand auch in Schweden ihre Fortsetzung, jedoch unter anderen Voraus­setzungen als im Heiligen Reich, den Niederlanden oder Ita­lien. Schließlich gab es in diesen Ländern eine reiche Stadt­kultur mit Privatdruckereien und Buchhändlern, die für das Aufkommen und Entwickeln des Zeitungswesens auf privater Grundlage von Bedeutung waren. InSchweden, das kaum eine Handvoll größerer Städte besaß, kam diese Initiative von der königlichen Regierung her. So empfahl Gustav Adolf in der Kanzlei-Ordnung von 1626, daß das 1618 eingerichtete Reichsarchiv aus den Briefen der Korre­spondenten im Ausland »das Beste und Besondere aus­wählt und jede Woche drucken läßt«, um auf diese Weise die Öffentlichkeit über das Geschehen in der Welt zu unterrich­ten. Es sollte allerdings fast zwanzig Jahre dauern, ehe aus dieser gut gemeinten Ermunterung einer Aufklärung von oben das entstehen konnte, was die »Ordinari Post Tijden­der« genannt wurde, die noch heute existiert! …“

Dass das Pressewesen einst aus der Post hervor ging war mir auch neu. Als Philatelistischer Laie, macht unsereins so recht interessante Entdeckungen.  B.K.

 

Wer möchte, kann hier noch manches nachlesen.