Das Interview

Interview  des mdr (Reporterin Franziska Hendreschke) mit  

Frau Dr. Raschick und dem Vereinsvorsitzenden Dr. Pätzold am 9. 9. 2010

 (gesendet über mdr-info)

Lange ist es her, dass Briefmarken und liebevoll angelegte Sammelalben das Schulhofgespräch bestimmten. Ein paar echte Liebhaber der Briefmarken sind aber übrig geblieben. In Suhl feiern sie heute den Deutschen Philatelistentag.

Franziska Hendreschke ist in Leipzigs größtem Philatelistenverein  der Frage nachgegangen, wer sammelt eigentlich heute noch Briefmarken?

F. Hendreschke: „Der Vereinstag  des Leipziger Philatelistenvereins findet im Seminarraum einer Seniorenresidenz statt. Ziemlich bezeichnend, wird manch einer denken, und liegt damit gar nicht so falsch, denn die 30 anwesenden Mitglieder haben allesamt das Rentenalter erreicht. Aber eine Überraschung gibt es dennoch, denn unter den Anwesenden sitzt auch eine Handvoll Sammlerinnen. Eine von ihnen ist Frau Dr. Christine Raschick. Dass sie eine echte Seltenheit in Philatelistenkreisen ist, weiß die 75-jährige nur zu gut und erklärt den Grund dafür:

Dr. C. Raschick: „Ich bin mit der Philatelie verheiratet gewesen, und das 46 Jahre. Als ich meinen Mann kennen lernte, hatte er also sein Jackett sehr liederlich irgendwo deponiert, aber der Briefmarkenkatalog hatte einen Schutzumschlag. Und da wurde mir klar, wenn ich mit dem Mann was anfangen will, dann muss ich mich für die Philatelie nicht nur interessieren, sondern auch intensiv mit ihr beschäftigen.“

F. Hendreschke: „Das tat sie auch. Erst als helfende Hand ihres Mannes, später mit der eigenen Sammlung. Auch der gemeinsame Sohn ließ sich von dieser Sammelwut anstecken. Eine Ausnahme, wie Frau Dr. Christine Raschick meint, denn Philatelie wird in der Regel stoßweise betrieben, wieso, das weiß der Vereinsvorsitzende Dr. Harry Pätzold.“

Dr. Harry Pätzold: „Dass häufig Kinder im Kindesalter beginnen, dann sammeln sie 3  . . . 4  . . 5 Jahre, und dann geht das Hobby zu Lasten anderer jugendlicher, spezieller Sachverhalte verloren. Die erste Liebe kommt, dann kommt der Schulabschluss, dann die Berufsausbildung, danach kommt die Arbeitsfindung, und dann ist man erst mit anderen Dingen beschäftigt, und dann ein Alter, wo sehr viele den Weg zurück zur Philatelie finden.“

F. Hendreschke: „Um den Nachwuchs in den eigenen Reihen zu fördern, hat der Verein extra eine eigene Jugendgruppe eingerichtet. Die wird von den alten Hasen mit der nötigen Grundausstattung versorgt, damit das neu entdeckte Hobby nicht auf grund finanzieller Engpässe zum Frust wird. Denn im Gegensatz zu so manch anderen Freizeitaktivitäten der Jugend kann man hier noch ´was dazu lernen, erklärt Harry Pätzold.“

Dr. Harry Pätzold: „ Sich mit Marken, sich mit Briefmarken zu beschäftigen, heißt ja auch, sich darüber zu informieren, was ist Gegenstand der Marken, was bilden sie ab, was gibt es für Hintergründe aktueller Art, geschichtlicher Art und dergleichen mehr. Es ist also rund herum im starken Maße sehr allgemeinbildend.“

F. Hendreschke: „Dass man mit diesem Anreiz den Nerv der Jugend trifft, wäre wünschenswert. Doch Frau Dr. Christine Raschick zweifelt am durchschlagendem Erfolg.“

Dr. C. Raschick: „Ich bin Realist, es wird sicher die Ausnahme bleiben.“
F. Hendreschke: „Diese Ausnahmen von der Regel könnten sich aber über eine ordentliche Altersvorsorge freuen, denn auch heute werden für ein paar der seltenen Frankierstücke noch stattliche Sümmchen geboten.“ 

  Mitschrift von Sammelfreund Jürgen Schild