Vergessene Welten?

Philatelistische Literaturausstellungen früher - heute Die Geschichte kann Philatelie-Ausstellungen bis zum Jahre 1881 zurückverfolgen, als in Wien unter der Organisation von Dr. Alfred Moschkau "Die erste öffentliche Ausstellung der Postwerthzeichen aller Länder" vom 13. bis 20. November im großen Saal der Gartenbau - Gesellschaft stattfand. Diese Veranstaltung war zugleich die erste, bei der philatelistische Literatur jener Zeit im Wettbewerb gezeigt wurde. Sogar als Gruppe I - Philatelistische Fachliteratur. Bemerkenswert aus heutiger Sicht war auch die Gruppe II - "Albums mit Marken", dann erst folgten die Gruppen mit Postwertzeichen u.v.a. mehr.
 
 
In der ersten Wiener Ausstellung 1881 waren Presse und Literatur mit der Fachzeitschrift "Weltpost" von Sigmund Friedl und Dr. Moschkaus Handbüchern zur Philatelie vertreten.
In den mehr als 125 Jahren seither hat sich viel geändert. Zwar ist die philatelistische Literatur aus den Wettbewerbsausstellungen nicht verschwunden, aber Alben werden heute keine mehr ausgestellt. Damals galten sie den Pionieren der Philatelie als wirkliche Literatur, beinhalteten sie doch weit mehr als nur Abbildungen oder Katalognummern: Blattbeschreibungen mit chronologischen und technischen Daten zu Marken und deren Herausgebern waren üblich, so dass frühe Alben nicht selten auch einen gewissen Katalogersatz boten. 1894 folgte Dr. Emilio Diena dem Vorbild Wiens und platzierte in Mailand eine Literaturklasse ebenfalls an erster Stelle. Dies sollte bis heute Ausnahme bleiben, denn philatelistische Fachliteratur ist selbst bei internationalen Ausstellungen - eher ein "Stiefkind". In der Regel bildet sie die letzte Klasse, und der Verdacht, sie sei "das Letzte" für die Verantwortlichen, liegt gelegentlich nahe. Veranstalter verbannen sie zuweilen in nicht zugängliche Vitrinen, wenn sie denn überhaupt zu sehen ist, und in Ausstellungskatalogen findet man gerade einmal den Namen des Ausstellers und den Exponattitel. Nicht gerade viel, wenn man sich für Literatur wirklich interessiert, diese einsehen und beurteilen will.
 
 
1890 fand in Wien erstmals eine Internationale Ausstellung statt, bei der auch Carl Lindenberg sein Handbuch für Philatelie im Wettbewerb zeigte. Er musste mit einer Vermail-Medaille (so die damalige Schreibweise) Jean-Baptist Moens den Vortritt lassen - dieser errang die erste Goldmedaille für Literatur. Dabei gab es doch schon früh Anschauungsbeispiele, wie man Literatur interessierten Sammlern näher bringen konnte. Theodor Haas hat 1884 und 1889 seine reichhaltige Fachbibliothek bei den ersten beiden großen Philatelieausstellungen in München gezeigt. Und zur BUGRA 1914 in Leipzig wurde im Rahmen dieser allgemeinen Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik die größte Ausstellung philatelistischer Literatur gezeigt, die die Welt wohl jemals zu sehen bekam: 5.052 Exponate, davon allein 1.562 vom Herausgeber und Redakteur der damaligen "Deutschen Briefmarken-Zeitung" (DBZ), Hugo Krötzsch, und 1.105 Nummern vom damals größten Verein der Welt, dem Internationalen Philatelisten-Verein Dresden, wurden gezählt. Und diese Präsentation wäre noch weit größer, nahezu doppelt so groß gewesen, hätte der Ausbruch des Ersten Weltkrieges die zugesagten Einsendungen aus dem Ausland nicht verhindert. Aber auch so war es eine eindrucksvolle Schau, deren bibliophiler Wert kaum zu ermessen ist. Der Interessent kann sich heute noch davon überzeugen, da die Krötzsch Bibliothek 1927 der Deutschen Bücherei in Leipzig gestiftet wurde und dort im Gesamtbestand gepflegt wird.
 
 
Die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig 1914 fand zu einer äußerst ungünstigen Zeit statt. Dennoch präsentierte sie die größte philatelistische Literaturschau aller Zeiten. Eine erste Goldmedaille für Literatur hatte es schon 1890 in Wien bei einer Internationalen Ausstellung für Jean-Baptist Moens gegeben. 1900 in Paris errang Gold Paul Mirabeaud für sein Buch über die Schweizer Kantonalmarken.
 
 
Die erste Goldmedaille für Literatur, Wien 1890, errang Jean-Baptist Moens (2003 in Brüssel im Maison Williame versteigert).
1911, wiederum in Wien, wurde sogar erstmals Großgold verliehen: für E. D. Bacons "Bibliography of the Writings general, spezial und periodical forming the literature of Philately". Wien spielte zur damaligen Zeit überhaupt eine große Rolle für die philatelistische Fachliteratur, war dort doch der damalige Senatspräsident Victor Suppantschitsch als bester Literaturkenner seiner Zeit ansässig, der selbst auch häufig als Mitglied in internationalen Jurys mitwirkte. Nach dem Ersten Weltkrieg waren Alben nur noch in Ausnahmefällen in Ausstellungen zu finden. Die Massenproduktion und die uniforme Ausgestaltung dieser Produkte bei gleichzeitigem Verzicht auf Kataloginformationen ließen die dahinter stehende eigene redaktionelle Bearbeitungsleistung immer weniger deutlich werden. Eine Kritik, die heute auch "Standardkataloge" trifft, die sich von Vorjahresproduktionen nicht selten nur durch die Aufnahme einiger weniger Neuheiten und geänderter Preisnotierungen unterscheiden. Hier von Forschung, zumal von eigener, zu reden, fällt nicht wenigen Juroren mehr als schwer. Es bedurfte erst völlig neuer Anstöße, nach dem Großereignis 1914 in Leipzig der Literatur wieder zu einer besonderen Beachtung zu verhelfen. Die Anstöße kamen von der 1927 gegründeten "Federation Internationale de la Presse Philatelique" (FIPP) und mündeten - auch dank einer guten Zusammenarbeit mit der am 8. Juni 1926 in Paris gegründeten Federation Intemational de Philatelie (FIP) - in die "1re Exposition Internationale de la Presse et de la Litterature philatelique" (LIPHINPREX) in Brüssel, die vom 25. Mai bis zum 3. Juni 1935 im "Haus der Schönen Künste" unter dem Patronat der FIP stattfand. Veranstalter war die FIPP und sie präsentierte mit dieser eigenen Spezialausstellung im Rahmen der allgemeinen internationalen Briefmarkenausstellung SITEP zwei Klassen: die der philatelistischen Presse mit Fachzeitschriften, allgemeinen Zeitungen mit Philatelieartikeln und die der Philatelistischen Literatur. Es gab keine Teilnehmer- und Zeitbeschränkung, es konnten also auch z.B. längst nicht mehr erscheinende Zeitschriften ausgestellt werden. Auch Kataloge, aber eben keine Alben!
 
Die F.I.P.P. (Internationale Föderation der Philatelistische Presse) war vor dem Zweiten Weltkrieg ein leistungsstarker Verband: Allein in den ersten sieben Jahren erschienen rund 150 Bulletins, die teilweise Buchstärke er. reichten. Dies mit einem viersprachigen Inhalt. Die Abbildung zeigt das Titelblatt der Nr. 146 vom 30. Juni 1934, in der das Reglement zur Ersten Internationalen philatelistischen Presse. und Literaturausstellung LIPHINPREX in Brüssel veröffentlicht wurde.
Erwünscht waren demgegenüber aber bei Zeitschriften alle schon erschienenen Jahrgänge, nicht wie heute nur der letzte und/oder vorletzte Jahrgang. Sie waren als gebundene Jahresbände vorzulegen, selbst Manuskripte waren "schön zusammengefasst" zu präsentieren. Auf Optik legte man hohen Wert! Noch vor dem Zweiten Weltkrieg gab es - heute ist dies kaum noch bekannt - eine zweite Internationale Literaturausstellung, und zwar vom 26. Juni bis 4. Juli 1938 in Prag. Auch diese wurde im Rahmen einer großen internationalen Postwertzeichenausstellung, der PRAGA 1938, veranstaltet, allerdings als eigenständige Fachschau mit dem Namen EXPRINLIPH. Zum Ehrenpräsidium zählten aus Deutschland Hermann Ernst Sieger, aber auch bekannte Verleger und Autoren wie J. A. Bosshard aus der Schweiz, Theodore Champion - Frankreich, H. L. Lindquist - USA, Fred J. Melville - Großbritannien und die vormaligen Präsidenten der FIPP, Verbandsgründer Dr. Ing. Guilio Tedeschi - Italien und Dr. Mario de Sanctis - Brasilien. Die Ausstellung fand im Institut für Agrarkultur in Prag statt und hatte wiederum die beiden Hauptgruppen der Philatelie-Presse und der Fachliteratur.
Eine einmalige Erinnerung an eine heute kaum noch bekannte Ausstellung: 1938 fand im Rahmen der PRAGA in Frag die EXPRINLIPH als zweite Philatelistische Literaturausstellung statt. Der Ausstellungsblock mit den Unterschriften von Juroren und Offiziellen erinnert an dieses Ereignis, bei dem auch Literatur eine hervorgehobene Rolle spielte.
Bosshardt, zu dieser Zeit Präsident der FIPP, betonte in seinem Geleitwort, dass ein ernsthafter Briefmarkensammler ohne Fachliteratur nicht auskäme, was wohl damals wie heute Gültigkeit hat. Wörtlich meinte er: "Wer nur mit Preiskatalogen auskommt und keine Fachblätter liest, wird nie ein ernsthafter, wissenschaftlicher Sammler werden, sondern nur „Kleber“ bleiben." Dabei gab es in Prag große Platzprobleme. Da die PRAGA 1938 enorme Nachfrage bei Ausstellern fand, mussten noch zwei zusätzliche Säle angemietet werden. Und die EXPRINLIPH schrumpfte auf einen Vorraum in der zweiten und einen Saal mit Vorraum in der dritten Etage zusammen. Was sollte man da zeigen, wie auswählen? Man entschied sich für das Konzept, "von allem etwas" zu bieten, also neben tiefschürfenden Forschungswerken auch populäre Publikationen, "welche nicht so tief in die Materie der Philatelie hineingriffen", wie es Kurt W. Noack aus Hamburg formulierte, der dem Organisationskomitee damals angehörte. Man spürt den Einfluss, den Hermann Ernst Sieger als einer der Förderer dieser Veranstaltung zugunsten der weniger elitären, statt dessen eher populären Philatelie schon damals genommen hat, ein Erbe, das sein Sohn Hermann Walter Sieger bis heute fortsetzt.
 
Das Ehrenpräsidium der EXPRINLIPH mit bis heute berühmten Philatelisten 
Bei aller Notwendigkeit zur Auswahl gab es dennoch sieben Gruppen (A bis G), die teilweise noch in je zwei Klassen unterteilt waren. Abgesehen von nicht mehr erscheinenden Zeitschriften und der Buchliteratur, war es sogar möglich, philatelistische Adress- und Jahrbücher, Auktions- und Ausstellungskataloge, philatelistische Werbeschriften, selbst Mitgliederverzeichnisse auszustellen. In der heute aktuellen Literatur-Ausstellungsordnung des BDPh ist dies nicht mehr möglich, weil man diesem Schrifttum keinen originellen Forschungswert zuschreibt. Die EXPRINLIPH - dies sei hier betont - war allerdings keine Wettbewerbsausstellung im klassischen Sinne. Es gab keine Preise, dafür kosteten die Exponate auch keinerlei Ausstellungsgebühr. Dies scheint selbst namhafte Firmeninhaber, die sich der Förderung der Literatur verbunden fühlten, nicht abgeschreckt zu haben, denn unter den Einsendern findet man allein aus Deutschland so bekannte Namen wie Kurt Kayssner aus Buckow, Richard Borek aus Braunschweig, Heinrich Köhler aus Berlin und Edgar Mohrmann aus Hamburg. Der Deutsche Philatelistenverband in Varnsdorf sowie Harry Lühmann für die Deutsche Sammler-Gemeinschaft in Hamburg brachten ebenfalls ihre Unterstützung ein.
 
 
Zur EXPRINLIPH erschien ein Sonderkatalog, den man heute im Internet auf der EXPONETSeite von Brestilav Janik bewundern kann.
Der Zweite Weltkrieg führte zu einem Schnitt, zu einem Einbruch, dessen Folgen noch lange Jahre spürbar waren. Die FIPP ging 1948 unter, und erst 1962 gelang es Pierre Seguy, wiederum in Prag während einer PRAGA, mit gleichgesinnten Freunden, darunter dem schon zuvor erwähnten Hermann Walter Sieger, die Association Internationale des Journalistes Philatelique (AIJP) als Nachfolgeverband zu gründen. Im Rahmen der Regiophil vom 17. bis 19. Juni 1977 fand in Lugano erstmals wieder eine internationale Literaturausstellung statt. Zwei Jahre später folgte in Venedig die VEBILEPH vom 18. Mai bis 6. Juni 1979. Beide waren aber eher nationale Literaturausstellungen mit internationaler, vor allem europäischer Beteiligung, ähnlich wie dies im September 2007 auch in Leipzig der Fall ist. Eine wirkliche internationale, also weltweite Philatelistische Literaturausstellung, war dann vom 3. bis 9. November 1982 in Mailand die "Prima mostra mondiale di letteratura filatelica". Ihr folgte vom 19. bis 23. April 1989 in Frankfurt am Main die vom Bund Deutscher Philatelisten veranstaltete und von der Arbeitsgemeinschaft Frankfurter Briefmarkensammler-Vereine e.V. in der Alten Oper ausgerichtete IPHLA "89. Sie präsentierte knapp 600 Literaturexponate in vier Klassen mit zahlreichen Untergruppen: Handbücher und Spezialstudien (Klasse 1), Allgemeine Kataloge (Klasse 2), Philatelistische Periodika (Klasse 3) und Philatelistische Artikel (Klasse 4). Ausstellungs-, Auktions- und Standardkataloge waren ebenso zugelassen wie Hauszeitschriften und Jahrbücher. Die IPHLA 89 bot die Möglichkeit zur Ausleihe und zur persönlichen Sichtung der Exponate, man erlebte erstmals den PC mit neu programmierten Datenbanken zur Literaturverwaltung (z.B. Phil*Biblio). Für Forscher, Autoren und Journalisten war die IPHLA 89 zweifelsohne ein Erlebnis.  
            
 
Die IPHLA '89 war die erste Internationale Philatelistische Literaturausstellung, die in Deutschland stattfand. Bis heute kaum übertroffen: der Charme der IPHLA 89 in Frankfurt am Main. Das Ambiente in der Alten Oper übte beinah magischen Einfluss auf alle Freunde der philatelistischen Literatur aus. Der Katalog der IPHLA '89 ist bis heute ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk zur damals aktuellen philatelistischen Literatur.
Gleiches darf man von der Literaturklasse der IBRA 99 in Nürnberg behaupten, denn auch dort hatte der BDPh für Literatur sein Herz entdeckt. Auf großzügiger Fläche gab es Ausleihe und Lesemöglichkeiten, die IBRA publizierte sogar einen gesonderten Bibliothekskatalog, mit dem sie die ausgestellte Literatur in einer Art Bibliographie vorstellte. Dies hatte es in dieser Form bei einer Internationalen Ausstellung noch nie gegeben und wird vielleicht auch für lange Zeit einmalig bleiben. Dank der Stiftung zur Förderung der Philatelie und Postgeschichte, die nicht nur die Herstellung, sondern auch die Ausstellung von Literatur in Deutschland nachhaltig unterstützt, ist es möglich, die Bedeutung der philatelistischen Literatur für den ernsthaften Sammler transparent zu machen, zum "Erlebnis Buch" zu führen. Nach wie vor ist Deutschland eines der wenigen Länder, in denen das Literaturschaffen in der Breitenphilatelie sprichwörtlich auf hohem Niveau möglich ist. Dabei sei die Leistung anderer Länder und Verbände nicht verschwiegen, denn allein in diesem Jahr finden auch in Neuseeland und in den USA (dort seit geraumer Zeit gar jedes Jahr) philatelistische Literaturausstellungen statt. Eines gilt nämlich auch für die Zukunft: Ohne Literatur hat auch Philatelie keine Zukunft! Wolfgang Maassen

Quellen: Brühl, Carlrichard: Geschichte der Philatelie, Hildesheim 1985, hier besonders die Seiten 515,530,532, 535, 537 EXPRINPHIL, IInd International Exhibition of the Philatelie Press and Literature (PRAGA 1938), Exponat von Brestilav Janik, Prag, siehe: www.japhila.cz/hof/0113/indexOOI3a.htm F.I.P.P.-Bulletin Nr. 146,30. Juni 1934 IBRA 99 Nürnberg, Bibliothekskatalog, Nürnberg 1999 Köth, Arno/Springer, Christian: Ausstellungsbericht über "Die erste öffentliche Ausstellung der Postwerthzeichen aller Länder zu Wien vom 13. bis 20. November 1881" von Dr. phil Alfred Moschkau, Nachdruck von Originalberichten, Köln 1987 NAPOSTA/IPHLA 1989, Ausstellungskatalog, Frankfurt 1989 (Hugo Krötzsch): Silvester 1914, in: Deutsche Briefmarken-Zeitung, Nr. 1/1915, S. 3 ff.