Arx nova surrexit - eine neue Burg ist entstanden

 

Neues Rathaus Leipzig 
 
Zu den Wahrzeichen Leipzigs gehört das Neue Rathaus mit seinem 114,7 Meter hohen Turm. Als Gastgeber der "Lipsia 2007" verdient es ein paar Worte, auch in diesem Katalog. Der Baugrund, auf dem das Gebäude zwischen 1899 und 1905 nach Plänen von Prof. Dr. Hugo Licht errichtet wurde, ist überaus geschichtsträchtig. Auf ihm stand einst die Pleißenburg, die in erster Ausführung Anfang des 13. Jahrhunderts vom' Markgrafen Dietrich von Wettin (1195-1221) errichtet worden war, um Leipzigs Bürger zu kontrollieren. Ihre Geschichte endete seit 1830 als Kaserne, bis 1895 die Stadt Leipzig sie für 43 000 Mark zum Abriss erwarb. Was danach als Rathausneubau entstand, bietet sich dem Betrachter bis heute als beeindruckend repräsentatives Bauwerk. Sein Stil vereinigt Elemente deutscher Spätrenaissance mit barocken Formen und Anfängen moderner Bauauffassung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Muschelkalkstein aus der Maingegend als Baumaterial hat sich als relativ wenig nachdunkelnder Baustoff bewährt. Mit dem zwischen 1908 und 1912 hinzugebauten Stadthaus, das unter Regie von Licht etwas nüchterner ausfiel, bietet der Gebäudekomplex zusammeI} weit über 1000 Räume, darunter jene, die von der "LIPSIA 2007" genutzt werden können.
Ein Gang um das Neue Rathaus herum bietet sich an, um es etwas näher kennenzulernen. An der Südfront, vor dem Hauptportal sitzen auf Pfeilern zwei Löwen. An der Spitze des Mittelgiebels wird über dem Stadtwappen der Kopf einer Lipsia sichtbar, der vielfach namengebenden Personifizierung der Stadt Leipzig. Darüber stehen die lateinischen Worte "Arx nova surrexit", was so viel bedeutet wie "Eine neue Burg ist entstanden".  Ein kleinerer Giebel in Richtung Osten wird von einer Figur gekrönt, dieJ als Symbolisierung der Wahrheit gilt. Die darunter angebrachte berühmteste Leipziger Uhr trägt die Inschrift "Mors certa, hora incerta" (Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss), was Witz bolde gelegentlich zu der kalauernden Übersetzung treibt, dass "todsicher die Uhr falsch" gehe... An der Südwestfront des Neuen Rathauses fallen zudem fünf große Statuen auf, die Gerechtigkeit, Buchkunst, Wissenschaft, Musik und Handwerk als "Leipziger Stärken" darstellen sollen und zu denen sich ganz oben der nochmals lateinische Spruch gesellt: "Publico consilio publicae saluti", also "Auf Beschluss der Stadt für das Wohl der Stadt". Auf der Ostseite befmden sich unter anderem die Medaillonporträts ehemaliger Stadtverordnetenvorsteher, darunter zweier späterer Oberbürgermeister und dazu die - wie könnte es anders sein - lateinische Aussage "Fortiter in re, suaviter in modo, constanter in se", was so viel bedeutet wie "Streng in der Sache, milde in der Form, treu sich selbst". Werfen wir nach solchem Fassadenrundgang noch einen kurzen Blick ins Innere, so stoßen wir in der Vorhalle des Haupteingangs auf vier Hermen, also Symbolfiguren, die wie der meiste Bildschmuck auch an den Außenwänden von Georg Wrba stammen. Sie verkörpern vier Lebensabschnitte des Menschen wie die vier Jahreszeiten.
 
 
Die beiden großen Wandelhallen verbindet eine Treppe aus Granit und farbigem Marmor. Die Deckengestaltung zeigt ein Sonnenmotiv mit dem Tierkreis in Jugendstilform.
 
 
 
 
Zu den schönsten Räumen im Innern gehört der Ratsplenarsaal, dessen Wände mit Edelholz und kostbaren Stoffen versehen sind. Eine reich bemalte und vergoldete Kassettendecke trägt die Inschrift "Viribus unitis" (Mit vereinten Kräften). Ein gutes Motto für den AIJP-Kongress und anderen Veranstaltungen der "Lipsia 2007", die hier stattfinden.
 
 
Steigen wir abschließend auf den imposanten Turm des Neuen Rathauses, der nach 250 Stufen vom vierten Obergeschoss zum oberen Turmgang eine herrliche Aussicht über Leipzig bietet, dann lässt sich die Rathausbesichtigung in dem Bewusstsyin beenden, auf dem höchsten Rathausturm Deutschlands gewesen zu sein.
 
  
 
Peter Fischer