Hugo Krötzsch – Zum 70. Todestag

 

Hugo Krötzsch – Zum 70. Todestag
 
In der Gegenwart sind die vielen wertvollen Eigenschaften der Philatelie allgemein anerkannt. Aus einem kleinen Kreis von belächelten Außenseitern vor vielen Jahrzehnten ist die große Gemeinschaft der Philatelisten entstanden, deren Bedeutung in ideeller Hinsicht nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Eine derartige Entwicklung in der Philatelie war nur möglich durch die schöpferische Arbeit hervorragender Briefmarkensammler als Autoren, Verleger und Prüfer im letzten Viertel des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In die Reihe der sehr bekannten und heute noch immer wieder erwähnten Autoren und philatelistischen Verleger gehört der Leipziger Hugo Krötzsch, geboren am 26.02.1858, gestorben am 30.05.1937 in Leipzig. Den jüngeren und älteren Philatelisten sind die "Krötzsch -Handbücher" geläufig.
 
 
70 Jahre sind seit dem Tode von Hugo Krötzsch verstrichen. Sein Wirken als Verleger und   Autor, Briefmarkensammler und Prüfer soll nachfolgend näher betrachtet werden. Der philatelistische Verlag in Leipzig, Langestraße 22, ab 1893 und seine Mitgliedschaft in der Ortsgruppe Leipzig des Mitteldeutschen Philatelistenverbandes Gößnitz waren für Hugo Krötzsch ein solides Fundament, zumal Ernst Friedrich Glasewald, sein philatelistischer Freund und Mitstreiter, in nächster Umgebung wohnte. Gleichzeitig pflegte er guten Kontakt zur weltbekannten Firma Gebrüder Senf in Leipzig. Bereits 1893, kurz nach der Eröffnung des Geschäftes, erschien sein "Permanentes Handbuch der Postfreimarkenkunde" mit Lichtdrucktafeln, unter besonderer Berücksichtigung der Herstellungsweise, der Entwürfe, der Auflagenhöhen, Echtheitsmerkmale, Neudrucke, Markenfälschungen, Entwertungen und deren Fälschungen. Die besten Kenner seiner Zeit bearbeiteten die Teile seiner Handbücher, Z.B. werden Baden und Bayern von O. Rommel, Preußen von P. Ohrt bzw. Schleswig und Holstein von Albin Rosenkranz geschaffen.
"Die Postmarke des Russischen Kaiserreiches" verfasste seinerzeit E. v. Bochmann. Hugo Krötzsch übernimmt als philatelistischer Forscher und Autor die Bearbeitung von Bergedorf, Hannover, Lübeck und beider Mecklenburg, als Mitautor Braunschweig, Bremen und Hamburg.
 
 
Stellvertretend soll an dieser Stelle Bergedorf näher betrachtet werden: Anhand der Postakten und Originalbelege, mit Unterstützung damaliger philatelistischer Experten, u.a. J.B.Moens, H.Fränkel, Lindenberg, Diena, Gebrüder Senf und Haas (Leipzig), wird das o.g. Werk erfolgreich abgeschlossen. Wie Hugo Krötzsch selbst im Vorwort berichtet, bestand auch ein Briefwechsel mit dem Postmeister Paalzow in Bergedorf. Bereits vor über 100 Jahren (!) hat Hugo Krötzsch den "Porto-Tarif des Lübeck-Hamburgischen Postamtes Bergedorf' für die verschiedenen Altdeutschen Postanstalten gewissenhaft aufgeführt. Aus heutiger Sicht eine Meisterleistung - sie ist heute noch voll und ganz gültig. Alle späteren Publikationen zu Bergedorf sind nur unwesentlich mit neuen Erkenntnissen erweitert. Karl Knauer als Autor der Bergedorfer Postgeschichte beurteilt Hugo Krötzsch 1961 wie folgt: "Um den beiderstädtischen (Post-)Abschnitt (1847-1867) hat sich Hugo Krötzsch schon Ende des vorigen Jahrhunderts große Verdienste erworben! ...hat er uns doch die wichtigsten Bekanntmachungen und Verordnungen überliefert, die es uns ermöglichen, wenigstens einen allgemeinen Überblick über das beiderstädtische Postwesen zu erhalten."
 
 
    
 
Porto-Tarif des Lübeck-Hamburgischen Postamtes Bergedorf
Viele seiner Veröffentlichungen erschienen in englischer, spanischer und japanischer Sprache. Auch für E. A. Glasewald in Gößnitz leistet er die Vorarbeit: die Echtheitsmerkmale der Thurn-und-Taxischen Emissionen veröffentlicht Krötzsch in der "Deutschen Briefmarkenzeitung" bereits 1905 (auf Seite 125). Glasewald übernimmt die Erkenntnisse und beurteilt seinen Freund und Mitstreiter in seinem Werk "Thurn und Taxis in Geschichte und Philatelie" 1926 wie folgt: "Außer einem schwachen Versuch von R. Kost im, Illustrierten Briefmarken-Journal' kenne ich keine Arbeit über dieses geheimnisvolle Thema. Da ist es wiederum Herr Krötzsch..., der in bekannter Gründlichkeit als Fachmann an die Sache geht. Ich lasse ihn daher, wenn auch gekürzt, selbst zu Worte kommen." Das Urteil des Altmeisters Glasewald über Krötzsch sagt alles. Es muss angenommen werden, dass Glasewalds Standardwerk zu Thurn und Taxis mit wesentlicher Unterstützung von Hugo Krötzsch im Manuskript entstand. Als Forscher hielt Hugo Krötzsch auf dem X. Deutschen Philatelistentag vom 16. bis 18.07.1898 in Gößnitz einen Vortrag über die entdeckten Typen von Sachsen und Zähnungsarten von Japan. Ausgezeichnete Beiträge aus der Feder von ihm sind immer wieder in der Deutschen Briefmarkenzeitung 1896 - 1919 zu finden, ob über neu entdeckte postalische Entwertungen oder auftauchende Fälschungen aller Schattierungen und deren Beschreibung.
 
Bereits auf der Wander-Versammlung am 17.04.1898 in Gößnitz beantragt Hugo Krötzsch, die Fälschungen in den Besitz des Verbandes zu bringen und den Mitgliedern nach vorheriger Kennzeichnung, also Prüfung und deren Kennzeichnung mit "falsch", zugänglich zu machen. Diese Forderung wird von A. E. Glasewald realisiert, die Beigaben in seiner Mitteldeutschen Philatelisten Zeitung "ex fohl" und mit Kennzeichnung "FALSCH" (vorderseitig signiert!), wurden den Briefmarkensammlern als Warnung und Aufklärung übergeben. Neben seinem publizistischen Engagement prüft und signiert Krötzsch die philatelistischen Belege und Marken seiner Zeit, besonders von Bergedorf. Dann und wann wird ein kleines Posthorn mit Blitzen auf den Briefmarken beobachtet. Das hier für die Echtheitsprüfung von Hugo Krötzsch steht, jedoch ist die Stellung dieses Prüfzeichens nicht nach dem "Köhlerschen System", welches sich ab etwa 1930 allgemein in seiner Norm bis in die Gegenwart durchsetzte.
 
 
 Lichtdrucktafel VIII aus dem Handbuch der Postfreimarkenkunde für Bergedorf
Als Aussteller von Briefmarken ist Krötzsch nicht in Erscheinung getreten. Dafür wurden die philatelistischen Werke bereits sehr frühzeitig der Öffentlichkeit gezeigt: Auf der I. Internationalen Postwertzeichen-Ausstellung in Regensburg vom 06.05.-11.05.1899 ist er in der Literaturklasse vertreten. Hugo Krötzsch stellte aus: "Handbuch der Postfreimarkenkunde", "Die Deutsche Briefmarkenzeitung" etc. Für seine Literatur erhält er die Goldmedaille als höchste Auszeichnung! Vermutlich als Anerkennung seiner bisherigen Publizistik wird er zum Ehrenmitglied der "Ratisbona" (Briefmarkenverein in Regensburg, welcher durch den Verkauf der Thurn-und-Taxischen Neudrucke 1911 mit Kennzeichnung ND bekannt wird) ernannt. Seine philatelistischen Kenntnisse sind als Preisrichter der Ausstellung ebenfalls gefragt. Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und seine Folgen ist ein Rückgang der philatelistischen Tätigkeit und Publizistik spürbar. Die "Deutsche Briefmarkenzeitung" erscheint unter seiner Redigierung 1919 das letzte Mal, wahrscheinlich ein wirtschaftlicher Aspekt. Eine neue Generation von Philatelisten ist herangewachsen, die ersten Auktionen beginnen in Deutschland mit der Geschäftstätigkeit. 1926 stirbt sein langjähriger Mitstreiter und Freund A. E. Glasewald. Als Höhepunkt in seinem Leben nach dem ersten Weltkrieg müssen genannt werden:              
° Verleihung der "Hans-Wagner-Medaille" am 15.08.1920 auf dem 26. Philatelistentag                 
als Ehrung für die Qualität der "Deutschen Briefmarkenzeitung" .              
° Verleihung der "Lindenberg-Medaille" am 21.01.1929 (seit 1926 nicht mehr                  
verliehen) für seine 23-jährige verdienstvolle Tätigkeit als Herausgeber der                
"Deutschen Briefmarkenzeitung" und für die Arbeiten am "Handbuch der                   
Postfreimarkenkunde" , anlässlich des Stiftungsfestes des Berliner Philatelistenklubs.              
° Verleihung der "A. E. Glasewald-Medaille" 1929 anläßlich der                  
Jahreshauptversammlung des Deutschen Philatelistenverbandes für den besten                  
Freund A. E. Glasewalds und eifrigen Förderer des Verbandes, wie der gesamten Philatelie. Die letzte Auszeichnung soll Hugo Krötzsch bis zu seinem Tode 1937 immer wieder innerlich berührt haben. Auf Anfragen von Sammlern schreibt Krötzsch 1929 im "Postwertzeichen": "Im übrigen sei noch gesagt, dass ich niemals die Absicht hatte, meine Bücherei ins Ausland wandern zu lassen..." Die Deutsche Bücherei in Leipzig übernimmt für ihre Abteilung Philatelie sämtliche Werke aus dem Krötzschen Besitz, mit dem Ziel, die Wahrung und Pflege dieser Bestände für die folgenden Philatelistengenerationen zu übernehmen. Leider sind durch die Folgen des Zweiten Weltkrieges große Teile vernichtet bzw. entwendet worden. In den letzten Jahren seines Lebens, trotz guter Gesundheit, erscheinen nur noch wenige Rezensionen aus seiner Feder. Die philatelistischen Fachzeitschriften erwähnen sehr oberflächlich seinen 75. Geburtstag. Zum Ableben am 30.05.1937 erscheint ein kurzer Nachruf - nur wenige Zeilen. Wolf gang Flemming (AIJP), Leipzig